Techno & Theater: Gullinborstis Mitternachtsritt
- EFA

- 2. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Kultur-Experiment in kreativer Umgebung

Zwischen den Jahren vegetiert die deutsche Kulturlandschaft normalerweise im Raclette-Koma vor sich hin. In Erfurt versuchte man kurz vor Silvester den rituellen Ausbruch: „Gullinborstis Mitternachtsritt“ in der Jederkann Galerie war kein typischer Club-Abend, sondern eine mythologische Reise mit Theater und elektronischer Musik.
Das Handwerk der Götter
Es ist eine fast schon prophetische Ironie, wenn Martin Thoms von Theater Magica die Geschichte von Lokis List erzählt, jener Erzählung über die mühsame, magische Herstellung des Ebers Gullinborsti durch die Zwerge, während am anderen Ende des Raumes Toni Materne, RheinElektra und ein Special Guest genau diesen Prozess klanglich imitierten. Hier wurde nicht einfach ein USB-Stick mit „Rauhnachts-Playlists“ gefüttert. Hier wurden an echten Live-Sounds geschraubt.
Die hypnotischen House- und Techno-Strukturen waren also kein Selbstzweck. Sie waren die atmosphärische Verlängerung der nordischen Mythologie in die Gegenwart. Wenn der Gong ertönte, schloss sich die Lücke zwischen den Welten: Das Theater übernahm, der Vorhang öffnete sich, und der Sound ordnete sich den Effekten und Melodien der Erzählung unter. Es war die Antithese zur üblichen Event-Berieselung - ein intermedialer Dialog in Echtzeit.
Mut zur Lücke
Sicher, mit gerade einmal drei Wochen Vorlaufzeit war dieses Experiment ein Wagnis. Bei Techno & Theater: Gullinborstis Mitternachtsritt war zwar die Gästezahl überschaubar, doch die Dichte der Atmosphäre war es nicht. Dass das Konzept ausgerechnet in der oft so statischen Zeit der Wintersonnenwende aufging, beweist: Das Publikum ist nicht so träge, wie man vielleicht glauben mag. Man traut den Leuten wieder etwas zu, z.B. 10 Minuten Stille und Aufmerksamkeit inmitten eines Techno-Sets.
Fazit: Mehr Eber wagen (und weniger Raclette)
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Theater und Techno sind eine verdammt gute Kombination. In der Jederkann Galerie entstand ein Ort, der weit über das übliche Club-Format hinausging, ein echter Raum zum Verweilen und Reflektieren, der die festtägliche Völlerei gegen eine geistige und rhythmische Bereicherung eintauschte.
Dass der „Mitternachtsritt“ in nur drei Wochen aus dem Boden gestampft wurde, lässt erahnen, was hier noch möglich ist. Eigentlich war der Plan noch radikaler: Eine gemeinsame Wanderung und ein „blindes“ Festmahl sollten den rituellen Charakter vervollständigen. Dass es diesmal „nur“ beim Ritt blieb, tat dem Erlebnis keinen Abbruch, im Gegenteil, es hat Hunger auf mehr gemacht.
Das Experiment hat gezeigt, dass man nach den Feiertagen keine Berieselung braucht, sondern echte Erlebnisse. Wir nehmen den Schwung mit: Die Fortsetzung für 2026 ist sicher, und wer weiß: Vielleicht sitzen wir dann gemeinsam beim blinden Festmahl, bevor Loki uns wieder auf die Tanzfläche jagt.

Credits:
Show: Theater Magica
Fotos: Amy Knöpfler


































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